24, Staffel 4

Nun habe ich gestern Nacht auch noch die letzten vier VFolgen der vierten Vierundzwanzig-Staffel gesehen. Ich hasse Teasertexte, aber wer die Staffel noch selber sehen will, sollte eben besser nicht weiterlesen.

The good:
Die Staffel ist über weite Strecken wieder sehr spannend. Man muss die Serie schon sehr analytisch und unemotional gucken, um sie nicht spannend zu finden.

Die Kompromisslosigkeit, mit der Bauer, seine Kollegen und auch seine Gegner miteinander umgehen, kann einem immer noch das ein oder andere “Yes!” oder “Ach du Scheisse!” entlocken, der Bodycount ist gewohnt hoch (ja, das wird hier unter “the good” einsortiert) und Jack bewegt sich gewohnt geschmeidig durch die Szenerie. Seine Vorliebe für anorexische Frauen ist geblieben (nicht schön, aber glaubwürdig), und am Ende der Staffel steht er konsequenterweise wieder mit (diesmal besonders) leeren Händen da.

Auch einige der neu eingeführten Charaktere spielen durchaus brauchbar auf, insbesondere der Oberschurke macht einen sehr aufgeräumten und überzeugenden Eindruck.


The bad:

An einigen Stellen ist die Serie eben auch nicht spannend. Am Ende einiger Folgen hätte man auch einfach aufhören können - in der ersten Staffel wäre sowas noch nicht passiert.

Die Serie schleppt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt - man hätte auch leicht drei oder vier kurze Staffeln daraus machen können. Der Verteidigungsminister wird mit Tochter (Jacks Freundin) entführt. Reicht? Nee: Dann sollen alle amerikanischen Kernkraftwerke zur Kernschmelze gebracht werden. Okeh. Das reicht aber. I wo: Stealth Fighter klauen, Air Force One abschiessen. Ei, ei. Nun ist aber gut. Von wegen: “Nuclear Football” wird geklaut, Sprengkopf entführt, Cruise Missile mit Sprengkopf auf eine Stadt abgeschossen. Ach so. Wenn man keinen Handlungsstrang über 24 Stunden retten kann, sollte man vielleicht mal eine Staffel einfach “12″ nennen oder sowas. Zumal noch einzelne Episoden eingeflochten sind, die offensichtlich nur für den Effekt existieren. Die Rüstungsfirma, in der der “Prime Evil” gearbeitet hat, hat z.B. Waffen an Terroristen verkauft. Damit das nicht ans Tageslicht kommt und um die Firma zu retten(!!) jagen die Mitarbeiter Jack und Kollegen (Bundesagenten) mit einer Spezialeinheit (”shoot to kill”) und legen mit einer elektromagnetischen Bombe, die wie ein Herz aussieht, halb L.A. lahm. Denkt man anfangs noch: “Naja, das spielt bestimmt später noch eine Rolle” - Pustekuchen. Auch der komplette China-Botschaft-Zwischenfall führt zwar dazu, dass Jack am Ende der Staffel als tot gilt, ist aber alles in allem doch sehr unglaubwürdig.

Wie in den Staffeln 2 und 3 kriegen die Guten wieder nichts hin. Irgendwann fragt man sich dann doch, was das ganze “hard perimeter”, “no tolerance for error” … Geschwätz alle 30 Sekunden soll, wenn der Oberbösewicht ja doch jedesmal entkommt. Der bedroht die USA immerhin mit nuklearer Zerstörung, wenn er aber festgesetzt werden soll, fahren eben doch immer nur 5 Agenten mit dem SUV hin.

An vielen Stellen ist der Handlungsverlauf einfach nur unlogisch. Die toughen Entscheidungen, die andauernd gefällt werden müssen, um die Spannung hoch zu halten, müssten oft gar nicht (oder anders) gefällt werden: Jack bedroht den Arzt, der gerade den Mann seiner aktuellen Torte operiert, mit einer Waffe, damit er einem verletzten Terror-Helfer das Leben rettet, weil dieser wichtige Informationen kennt. Paul (der Mann seiner Torte) stirbt aufgrund dieser Entscheidung. Hochdramatische Szene, aber: Vorher sind sie mit dem verletzten Terror-Chinesen eine Viertelstunde durch die Nacht gefahren und haben während der ganzen Zeit telefonisch darauf aufmerksam gemacht, dass sie jetzt kommen, eine schwerverletzte Person dabei haben und sofort medizinische Versorgung brauchen. Trotzdem steht kein Arzt zur Verfügung - es kommt auch keiner mehr. Hallo?

Ich hatte mich schon mal drüber beschwert: Wer nicht mit den Füssen voran aus der Serie getragen wird, kommt in der nächsten Staffel wieder. Leute, die im Knast, im Ruhestand oder sonstwo sein sollten - alle werden reaktiviert. Erst Tony, dann Michelle, dann tatsächlich noch Präsident Palmer und gegen Ende auch noch eine Terroristin aus Staffeln 1 und 2 - Jacks Tochter konnte wohl gerade nicht.

Ein bisschen unglaubwürdig ist es dann wohl auch, dass die erfolgreich ausgeführetn Terroranschläge auf amerikanischem Boden keine weitreichenderen Folgen auf die amerikanische Gesellschaft haben. In vorhergehenden Staffeln wurde immerhin schon einmal ein Atomsprengkopf gezündet, ein Bioterroranschlag ausgeführt und zu beginn der vierten Staffel schmilzt immerhin ein Kernreaktor und tötet Tausende, ohne, dass es zu spürbaren Verwerfungen führt. Die Terroristen sind Islamisten, und tatsächlich wird ein arabisch anmutender Bürger deshalb dumm angemacht - der ist aber tatsächlich auch ein Terrorist. Ich könnte mir vorstellen, dass auch das Einwanderungsland USA anders abgeht, wenn Islamisten ein Kernkraftwerk in die Luft sprengen - jedenfalls an diesem Tag.

Die Produzenten der Serie scheinen unter extremem Sparzwang zu leiden: Nicht nur, dass die Drehbuchschreiber zu wenig Geld bekommen (s.o.) und das Product Placement einen geradezu anspringt, man kann es auch sehen: So gut wie alle Innenaufnahmen in Autos sind im Studio vor Leinwand aufgenommen, so dass man sich sofort in einen frühen Hitchcock-Film versetzt fühlt, und die Szene, in der Oberterrorist Marwan aus Jacks Hand in die Tiefe stürzt, ist technisch eine regelrechte Unverschämtheit.

The ugly:
Mindestens einer der Drehbuchautoren (oder der Produzent, man weiss es nicht) ist regelrecht besessen von Folter. Folter ist das Mittel der Wahl zur Lösung aller Probleme, und wenn es nur ein Spannungsdurchhänger ist.
Das Element wurde in der zweiten Staffel eingeführt, gleich zu Beginn, und da dachte man noch: “Sieh her! Da wird ja der Eindruck erweckt, als würden Amerikaner ganz selbstverständlich Foltern!”. Jetzt machen sie nichts anderes mehr. In - lasst mich Lügen - jeder Folge wird mindestens einmal jemand gefoltert. Der Mann mit dem Spritzenkoffer ist im Dauereinsatz, Freunde, Bekannte, Familienmitglieder, - alle bekommen ihre Dosis ab. Und es ist natürlich immer das richtige Mittel.
Paul Raynes (der Ehemann von Jacks Freundin) wird zwar zu unrecht gefoltert, der nimmt es aber nicht übel. Der Sohn des Verteidigungsministers merkt immerhin einmal kurz an, dass man an der Folter, die ihm zugefügt wird, sehen kann, dass das System falsch ist - die Bemerkung spielt aber keine Rolle mehr, schliesslich hatte er ja was zu verbergen: und wenn’s nur die Tatsache ist, dass er kifft und mit Männern poppt. Einmal verbietet der Präsident die Folter sogar explizit (natürlich, weil er ‘ne Pfeife ist), Jack setzt sich (natürlich) darüber hinweg und es ist (natürlich) die richtige Entscheidung.

The end:
Würde ich noch eine Staffel sehen wollen? Vielleicht. Es scheint mir, als würe die Serie nicht mehr für ein Publikum wie mich produziert. Es wird ganz offensichtlich eine viel kürzere “attention span” vorausgesetzt, als dies in der ersten Staffel noch der Fall war. Diejenigen, die die vierte Staffel für die beste halten, haben offensichtlich weniger Probleme mit den o.a. Punkten als ich. Ich habe mich jedenfalls häufig geärgert, und das will man ja eigentlich nicht.

UPDATE: Nochmal Folter. Via Elektrosmog.

9 Responses to “24, Staffel 4”

  1. Kristian Says:

    Da gebe ich dir so ziemlich in allen Punkten recht (wie langweilig). Insbesondere die vollkommen unglaubwürde Folge von immer schlimmerhaftigen Anschlägen hat mich geärgert. Okay, kann man sagen - wie soll man nach einem Atomsprengkopf etc noch einen draufsetzen - vielleicht indem man etwas subtiler vorgeht? Es müssen ja nicht immer gleich Millionen von Menschenleben auf dem Spiel stehen.

    Aber wie dem auch sei - spannend war’s trotzdem meistens. Und Kiefer Sutherland ist wie immer cool… allein: Der Soziopath aus der ersten Staffel ist nach wie vor meine Lieblingsfigur. Wie hieß er noch gleich? Schorsch Mehßn. Genau.

  2. Michael Schmidt Says:

    Sehr zutreffend. Und wie du auch sagst, trotz der nervigen Sachen war es wieder Spannung. Der Style ist einfach gut und die Sprache.
    Die Enthusiasten-Zuschauerschaft ist so in der Minderheit, dass man auf ihre Bedürfnisse nur wenig Rücksicht nehmen kann. Insofern ist slowing down und dafür logischer, exakter, anspruchsvoller sein wohl keine Option. Mich nervt zunehmend, wie schnell komplexeste Datenverarbeitungen stattfinden und damit mein ich weniger die in den Maschinen, sondern die in den Köpfen. Und auch das physische Bewegen zwischen den Handlungsorten …
    Sehr gut gefallen hat mir die Ersatz-Präsidentenpfeife!

  3. Herr Herrner Says:

    Jaja, das bewegen zwischen den Handlunsgorten… nicht nur, dass sich sowieso das Schicksal der USA nur und exklusiv in LA entscheidet, die Distanzen zwischen den Einsatzorten sind auch gerade so, wie man sie braucht. Mal braucht der Hubschrauber 10 Minuten in die Wüste, mal braucht er 10 Minuten zum Bahnhof, je nach Geschmack.

  4. Marc Says:

    Ja, das Gehangel von Höhepunkt zu Höhepunkt nervte in der Tat - aber das wird durch so viele schöne “OMGWTF”- und “Yessssss” (Becker-Faust) Momente aufgewogen, dass man es gerne verzeiht, ohne es weiter zu hinterfragen.

    Alles in allem hat S4 spannend und gut unterhalten, und mehr sollte man manchmal vielleicht einfach nicht verlangen.

    “For all intents and purposes, Jack Bauer is dead.”
    Das läßt so viel Raum für neue Ideen, dass mir fast der Kopf platzt.

    Trinkspiel für Staffel 4: Einen kippen für jede Folterszene und für jedes “We’re running out of time”… dann ist man so schnell hacke, dass man nix mehr dran auszusetzen hat :)

  5. Herr Herrner Says:

    “We’re running out of time” hatte ich ja ganz vergessen! Man könnte auch für jeden, der in Jacks Kugelhagel fällt, einen trinken… die Terroropfer muss man wohl leider rauslassen, sonst liegt man selber tot auf dem Teppich.

  6. webseeings » Blog Archive » Das Gesetz der Serie 2006 Says:

    [...] Battlestar Galactica: Season 2, Episode 11 am 6. Januar auf SciFi-Channel Lost: Season 2, Episode 10 ” The 23rd Psalm” am 11. Januar bei ABC (vorher gibt es eine komplette Zusammenfassung) 24: Season 5, Episoden 1-4 am 15. und 16. Januar auf Fox (und wie war die 4. Staffel?) [...]

  7. webseeings » Blog Archive » Kleines Serienupdate (mit 24-Spoiler) Says:

    [...] Für alle, die mir beim Seriengucken folgen: Nach dem erklecklichen Finale der zweiten BSG (Battlestar Galactica)-Staffel ist es schön zu hören, dass… “season three of Battlestar Galactica promises even more of the drama, intrigue and action that viewers have come to expect from the series.” (ab Oktober) und dass… “The entire Battlestar Galactica ensemble will return, including Edward James Olmos, Mary McDonnell, Katee Sackhoff, Jamie Bamber, James Callis, Tricia Helfer and Grace Park. As previously announced, Lucy Lawless will also join the cast for a 10-episode arc, reprising her role as D’Anna Biers, a Cylon.” Etwas, was in einer nächsten Staffel von 24 nun eigentlich nicht mehr passieren kann. Mal ehrlich: Ich hatte mich zwar in einer früheren Staffel beschwert, dass alle eingeführten Hauptdarsteller immer wieder eingesetzt werden (und könnte mich auch in Staffel 5 darüber beschweren), aber jetzt in beinahe jeder Folge einen Super-Sympathieträger kläglich abnippeln zu lassen kann ja wohl auch keine Lösung sein. Bei 24 will ich “ach du Scheisse” und “Yesss” ausrufen, nicht in Tränen ausbrechen! [...]

  8. webseeings » Blog Archive » 24, Season 5 Says:

    Pingback: 24, 4. Staffel

  9. webseeings » Blog Archive » 24.6 Says:

    [...] Passt: Wie ich die vierte und die fünfte Staffel fand. [...]

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