So nah und doch so fern
sind sie mir, die Hamburger Blogger. Täglich lese ich, was sie so erleben und manchmal kommt es vor, dass ich regelrecht erschrecke, wenn wieder von Orten, Ereignissen oder Sachverhalten berichtet wird, die auch mein tägliches Dasein berühren.
Auf der Rückseite der Reeperbahn lese ich dieser Tage häufiger von Begebenheiten im verschlafenen Altona, in das mich der Zwang zum Geldverdienen jeden Tag wieder treibt. Da der Ich-Erzähler ja eben scheinbar auf der Rückseite der Reeperbahn wohnt, fährt er vermutlich sogar mit dem selben Bus, wenn er seinen Schulweg antritt. Und wenn dann die Kommentatoren noch schreiben, sie hätten gerade fünf Bier in der Hasenschaukel getrunken, dann fühlt man sich schon fast beobachtet.
Ich vermeide das Busfahren allerdings meistens: Solche Erlebnisse bleiben einem erspart, auf dem Fahrrad oder auf den Füssen bekommt man - je nach Wetterlage - noch ein bisschen frische Luft in die Lungen und kann ein bisschen Street Art fotografieren. Der Freiluft-Schulweg führt mich dann dafür regelmässig an der Hospitalstrasse 100 vorbei, wo - offensichtlich - das 100Hospital-Blog beheimatet ist, das nicht nur besonders toll aussieht, sondern dessen Beiträge auch Überschneidungen zu eigenen kulturellen Präferenzen erkennen lassen. Der Gastgeber hat - wie es sich für einen ordentlichen Blogger gehört - natürlich auch einen Flickr-Account, und ist mit diesem natürlich auch in meinen Flickr-Kontakten zu finden.
Bei den Hamburger Flickereens ist es dasselbe: Wenn man sich anschaut, was die Kontakte - die ich ja nicht persönlich kenne - so zusammenfotografieren, dann wundert man sich, dass man nicht irgendwann mal selber mit auf dem Bild ist - oder man beim Fotografieren mal einen der anderen abschiesst, ohne es zu merken.
Von den Hamburger Bloggern, deren Oevre ich regelmässig sichte, gibt’s noch mehr: Heiko Hebig w/ Flickr, msia (”lower your expectations” - eines dieser Weblog-Mottos, das ich immer wieder gerne sehe), der Supatyp, den ich bestimmt mal kennenlerne, wenn er einem unserer Freizeitfussballer in einem Hamburger Park einen Ball an den Kopf schiesst, Kai Pahl, Michael Seemann (über - wie immer - 4 OpenBC-Knoten mit mir verbunden) - alles Leute, von denen ich ein schwammiges Bild vor Augen habe, das sich langsam bildet, wenn man die Blogs liest. Dass z.B. Anke Gröner in Reklame macht, ins Kino geht, einen “Kerl” hat und in Lush badet (und das in Hamburg) - das bekommt man schon nach dreimaliger Lektüre des Weblogs heraus. Bei anderen ist das schwieriger, und bei Weblogs wie z.B. dem Kutter ist dann wieder der Hamburg-Bezug nicht so stark.
Im Rheinland treffen sich die Blogger, die auf sowas stehen, wenigstens unregelmässig einmal, die Berliner sehen sich in ihren inzestiösen “Ich les’ Dir mal was vor”-Ritualen ja scheinbar ohnehin dauernd, aber als Hamburger Blogger ist man weitestgehend darauf angewiesen, dass man zufällig einmal einer Online-Bekanntschaft auf die Füsse tritt. Und obwohl ich mit sicher sind, dass die meisten ohnehin keine gebürtigen Hamburger sind, hat diese hanseatische Zurückhaltung ja auch was nettes, nicht?

Hier laufen sie irgendwo rum…


December 17th, 2005 at 14:51
Sowas wie die Lesung von Lyssa letztens sind ja auch immer so Gelegenheiten. Aber leider hab auch ich es nicht geschafft, wie ich ja schrieb. Ich bin aber auch dafür, unter Hamburger Bloggern eine bessere Vernetzung voran zu treiben. Aber bitte erst ab Februar …
PS: ich dachte der Kuttner bloggt aus Hannover. Steht jedenfalls in seinem Impressum.
December 17th, 2005 at 17:53
Da staune ich mal wieder, wie viele Hamburger Blogger es offenbar zu geben scheint, ohne dass ich es weiß. Wir sind wohl eher lichtscheue Wesen.
Liebe Grüße aus der Nachbarschaft
December 18th, 2005 at 10:27
leider bin ich kein hamburger (blogger), sondern gut 350 km davon entfernt, habe aber eine menge (guter) freunde in der stadt, so viele wie in keiner anderen. echt gezz! kein internetzscheiß!
December 19th, 2005 at 11:23
Mann, Mann, ich wohne in Volksdorf. Das ist so weit weg von vor wie hinter der Reeperbahn. Das ist fast schon Ahrensburg-Style.
December 19th, 2005 at 12:10
Ich muss mein launiges Statement von vorher relativieren.
Natürlich ist es immer wieder interessant, Leute über die Plätze reflektieren zu lesen/hören, die einem selbst geografisch oder emotional nahe sind. Aber das ist nur so ein kleiner Teil des Spektrums, für mich zumindest, da Partyspaß und Hochkultur im Moment nicht so relevant für mich sind, wie ich es vielleicht gerne hätte (wirklich?) und wie es vor ner Weile noch war.
Darum ist die Wahrscheinlichkeit, irgendwelchen HH-Bloggern, die ich lese, über den Weg zu laufen, relativ gering. Und auch wenn ich gewisse Identifikation verspüre mit Dingen, die der einer oder die andere so erleben, erfahren oder einfach mitteilen wollen, herrscht bei mir trotz temporärer Empathie-Euphorie eher eine gewisse Abwehr vor. Das ist nicht mein Leben, auch wenn die Beschäftigung damit mitunter eine unterhaltsame Abwechslung schafft.
In Tat ist meine Rezeption des ganzen fast schon vergleichbar mit der von Fernsehen, hier gutes Zeug, dort Unterschichtenrotz. Einziger Unterschied, hier und da interagiert man mittels Kommentaren. Wozu eigentlich?
December 19th, 2005 at 15:28
Neulich gab es ja ein Hamburger Bloggertreffen, initiiert von der Weltregierung. Ich habe kurz überlegt, ob ich hingehen soll – aber dann war ich mir nicht sicher, ob es wirklich so toll ist, sich außerhalb der Blogosphäre von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Vielleicht bin ich auch einfach noch nicht so weit … ;-)
December 19th, 2005 at 15:28
… meine Webadresse ging eben verloren: http://www.mattwagner.de/blog.htm
December 19th, 2005 at 22:10
Als Stuttgarter habe ich Ihre Probleme zwar nicht, weil ich die zwei, drei bloggenden Hansel hier ohnehin kenne, aber darüber:
musste ich fest lachen. Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen.
December 21st, 2005 at 15:41
Hmm….
also ich war jetzt 3 mal hinterinenander bei sowas
und hatte dann auch sofort eine Übersättigung.
Aber generell war mir keiner so richtig nervig oder unsympathisch
aufgefallen. Eher im Gegenteil.
Und das mit der Lesung wird auch überbewertet.
Beim letzten mal haben die meisten einfach nur Lyssa
in den Ausschnitt geguckt.
- KeineAngstregierung.
December 21st, 2005 at 22:39
diese hanseatische Zurückhaltung ist Mythos und Tradition zugleich. Es ist unsere Pflicht, sie zu hegen und zu pflegen. Wir sollten sie - wie auch das Grundgesetz - notfalls mit der Waffe in der Hand verteidigen.
Warum klamüsert user denn im Netz rum? Weil man im sogenannten Real Life die Mitbürger nicht wegklicken kann. Wenn die Lektüre eines Blogs (oder whatever) allzu ermüdend wird, klickt man auf den roten Punkt (was beim PC ein Kreuz ist) und gönnt sich ‘ne Mütze Schlaf. Sabbelt einem jemand in irgendeiner Kaschemme ‘ne Kante ans Bein, wird Augenpflege oder spontaner Fluchtversuch meist als unhöflich empfunden.
BTW: in Berlin soll alles recht inzestiös sein (hab ich irgendwo mal gelesen)
March 4th, 2006 at 05:50
Der Gröner Link funzt leider nicht (mehr?)
March 4th, 2006 at 15:21
Jetzt gehterwieder.